Topografie der Gefühle

Die Route eines Aufsteigers

Eine literarische Kartografie von
Guy de Maupassants «Bel-Ami»

Lesendes Gehen als generative Zeichnung
städtischen Raums.

1885 wächst Paris explosionsartig.

Auf dem Champ de Mars entwirft Gustave Eiffel ein Gerüst aus Eisen, dreihundert Meter hoch. Noch kann es niemand fassen.

Bahnhöfe werden zu Kathedralen des Fortschritts. Rauch, Dampf, Ankunft, Abfahrt. Wer in Paris etwas werden will, kommt mit dem Zug.

Die Stadt Haussmanns ist fertig gebaut. Jetzt zeigen Fassaden ihr Stahlskelett, statt es zu verstecken.

Ein neues Gesetz schafft die Zensur ab. Zeitungen dürfen ohne staatliche Lizenz erscheinen. Ihre Zahl explodiert.

Rotationspressen drucken über Nacht Hunderttausende Exemplare. Wer die Presse kontrolliert, kontrolliert die Meinung der Stadt.

Frankreich zwingt Tunesien unter sein Protektorat. Zeitungen trommeln für die Expedition – während Eingeweihte längst ander Börse an Ihr verdienen.

Die Bank Union Générale bricht zusammen. Vier Milliarden Franc verbrennen an einem einzigen Tag.

Geld, Macht, Presse – in Paris hängt plötzlich alles zusammen.

Die Republik verspricht Aufstieg durch Leistung, nicht durch Geburt.

Ein junger Mann ohne Geld, ohne Namen, flaniert durch die Stadt an der Seine.

Was folgt, ist die Route seines Aufstiegs. Etappe für Etappe, Ort für Ort, Gefühl für Gefühl.

Auf der Route fühlt Duroy. Jeder Ort, an dem etwas in ihm vorgeht, wird zu einem Kreis.

Wie oft ein Ort etwas auslöst, bestimmt seine Grösse. Jede Gefühlsäusserung lässt den Kreis wachsen.

Was Duroy trägt, wölbt sich nach oben: die obere Kreishälfte zeigt den Anteil positiver Gefühle.

Was Duroy bedrückt, wölbt sich nach unten: die untere Kreisthälfte zeigt den Anteil negativer Gefühle.

Duroys Gefühle werden in drei Kategorien aufgeteilt.

Rote Punkte zeigen wie sich Ort und Gefühl gegenseitig beeinflussen. Links oben sammelt sich, was positiv wahrgenommen wird.

Links unten, was negativ wahrgenommen wird.

Und rechts, was weder trägt noch drückt: die neutrale Wahrnehmung.

«Georges Duroy zählt die Münzen in seiner Tasche und die Frauenblicke auf dem Boulevard. Er kennt den Wert beider genau – und weiß doch nicht, welcher ihn weiterbringen wird. Die Stadt riecht nach Absinth und Pferdedung, nach Geld, das er nicht hat, und nach Möglichkeiten, die er noch nicht sehen kann.»

«Eine zufällige Begegnung, ein altes Regimentsband – und plötzlich öffnet sich eine Tür, hinter der Kristall glänzt und Namen fallen, die man kennen muss. Duroy tritt über eine Schwelle, die sein Leben teilt: davor der Chasseur d'Afrique ohne Zukunft, danach der Mann, dem eine Zukunft zugetraut wird.»

«Ein Redaktionsauftrag, ein weißes Blatt, ein Stift, der sich weigert zu schreiben. Duroy scheitert an Worten, wie er nie an Mut gescheitert ist. Erst eine fremde Hand, die seine Sätze ordnet, macht aus seinen Erinnerungen eine Geschichte, die Paris lesen will.»

«Wer schreiben will, muss gehen. Duroy lernt die Stadt neu: als Terrain, als Quelle, als Bühne für Zufälle, die keine sind. Jede Tür, die sich öffnet, führt zu einer nächsten – und irgendwo dazwischen beginnt er zu begreifen, dass Beziehungen mehr wert sind als Tatsachen.»

«Eine Wohnung, ein Vorhang, ein Nachmittag, der nicht auf der Uhr steht. Mit Clotilde de Marelle entdeckt Duroy, dass Nähe eine Währung ist wie jede andere – und dass er gelernt hat, mit ihr zu bezahlen wie zu kassieren.»

«Ein anderes Haus, ein anderer Glanz: hier zählt nicht Zärtlichkeit, sondern Einfluss. Am Tisch der Walters misst Duroy zum ersten Mal, wie weit die Distanz zwischen dem, was er ist, und dem, was er werden will, tatsächlich reicht.»

«Die Luft wird dünn in Forestiers Zimmer, während draußen die Stadt weiterlärmt, gleichgültig. Duroy sitzt am Bett eines Freundes, der stirbt, und spürt zum ersten Mal, wie sich Mitgefühl und Berechnung in seiner Brust die Waage halten – und wie die Waage kippt.»

«Fern von Paris, am Mittelmeer, endet ein Leben und beginnt eine Kalkulation. Duroy steht am Grab seines Freundes und denkt bereits an die Witwe. Die Trauer ist echt; der Plan ist es auch. Beides passt in denselben Mann.»

«Zurück in Paris, in einem Salon, der noch nach Forestier riecht, spricht Duroy die Worte, auf die er lange gewartet hat, ohne es zu wissen. Madeleine hört zu, prüft, entscheidet. Aus dem Werben wird ein Vertrag – unterschrieben mit einem Kuss.»

«Ein Bindestrich, ein kleines Wort – "Du Roy" – und aus dem Mittellosen wird ein Herr. Die Hochzeit ist eine Grenze, die er überschreitet, ohne sich umzudrehen. Wer er war, bleibt auf der anderen Seite der Kirchentür zurück.»

«Politik, Presse, Kurse an der Börse: Paris verhandelt seine Zukunft in Hinterzimmern, und Du Roy sitzt inzwischen mit am Tisch. Was als Information beginnt, wird zu Kapital. Was als Kapital beginnt, wird zu Macht.»

«Ein Brief, ein Name, ein Blick zu lang gehalten. Du Roy beginnt, seine eigene Frau zu lesen wie ein Manuskript, das ihm nicht mehr gehört. Zwischen den Zeilen findet er Laroche-Mathieu – und eine Wut, die ihm neu ist.»

«Eine Frau, die eigentlich zu ehrbar ist, um zu fallen, fällt dennoch. Du Roy verfolgt sie nicht aus Verlangen, sondern aus Prinzip: Es gibt nichts in dieser Stadt, das ihm verschlossen bleiben darf.»

«Was er erobert hat, zermalmt er. Madame Walters Zuneigung wird zur Last, ihre Liebe zur Peinlichkeit, die er in aller Öffentlichkeit von sich schiebt. Nähe war für Du Roy nie ein Ziel – nur ein Mittel, das man entsorgt, wenn es aufgebraucht ist.»

«Ein neuer Palast, ein Gemälde von Christus über den Wellen – und ein Gesicht darin, das dem seinen gleicht. Madame Walter kniet davor wie in einer Kapelle, verzehrt von einer Liebe, die sie nicht mehr verbergen kann. Du Roy sieht zu, unberührt, während sie an einem Gift stirbt, das er selbst eingeflößt hat.»

«Ein möbliertes Zimmer in der Rue des Martyrs, ein Kommissar, eine aufgebrochene Tür. Du Roy stellt die Falle, in die er selbst einst hätte tappen können, und Madeleine antwortet mit derselben kalten Fassung, mit der sie ihn einst gewann. Am nächsten Morgen reicht er die Scheidung ein – frei, und mit beiden Händen bereit für mehr.»

«Die Tochter, nicht die Mutter. Jung, unschuldig, ein Name mit noch mehr Gewicht als der ihrer Eltern. Du Roy verändert das Ziel seiner Jagd kein einziges Mal – nur ihre Richtung, immer eine Etage höher.»

«Glocken, Menschenmengen, ein roter Teppich, der bis zur Kirchentür reicht. Georges Du Roy, einst mittellos, tritt hinaus ins Licht von Paris – Ehemann, Erbe, Aufsteiger. Die Stadt, die ihn einst nicht kannte, liegt jetzt zu seinen Füßen. Die Route ist zu Ende. Der Name ist gemacht.»

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Topografie der Gefühle

Lesendes Gehen als generative Zeichnung städtischen Raums
Ein Projekt von Charis Arnold

Eine literarische Kartografie von Guy de Maupassants «Bel-Ami»

Wer ein Buch liest, betritt einen fremden Ort. Zum Beispiel die Stadt Paris in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Guy de Maupassants Roman «Bel-Ami» spielt. Das Projekt «Topografie der Gefühle» folgt Maupassants Hauptfigur Georges Duroy und legt seinen Aufstieg vom Habenichts an die Spitze der Pariser Presse auf den echten Stadtplan. Dafür wurden alle 18 Kapitel Textstelle für Textstelle annotiert. Nicht von Hand, sondern mit der Claude API. Wo hält Duroy sich auf? Was nimmt er wahr? Wie wirkt der Ort auf ihn und seine Gefühle – und umgekehrt?

Beim Scrollen durch die einzelnen Kapitel folgt der User Duroys Route auf einem Pariser Stadtplan. Jeder Ort, an dem er sich aufhält, ist dabei mit einem Kreis markiert: Je öfter der Ort auf Duroy wirkt, desto grösser der Kreis. Um die Gefühle des Aufsteigers zusätzlich zu betonen, sind deren Ausformungen mit entsprechenden Klängen unterlegt. Maupassants Roman wird begeh-, fühl- und hörbar.

LLM-Lektüre und Datengrundlage

Wie liest eigentlich ein LLM einen Roman und erst noch einen der wichtigsten der Literaturgeschichte? Wie wird aus einem Buch eine Karte? Und wie macht man die Gefühlswelt einer literarischen Figur nicht nur sichtbar, sondern spürbar? Diese Fragen beantwortet «Topografie der Gefühle» anhand von 2902 Annotationen, 957 Textstellen mit Wirkungsrichtung; wobei sich 58 Prozent aller Nennungen an 10 Orten festmachen lassen. Aber nicht nur wo etwas geschieht, ist entscheidend, sondern wie es sich anfühlt.

Human Data

Anders als in der klassischen Linguistik analysiert «Topografie der Gefühle» einen Roman nicht nach quantitativen, sondern qualitativen Kriterien. Nicht die Anzahl Verben oder Adjektive, nicht die Grammatik und die Erzählkonstruktion interessieren: Gezeigt wird, was die Hauptfigur Duroy fühlt. Diese Daten sind – obschon es sich bei einem Roman um ein künstliches Werk handelt – Human Data. Die grafische Darstellung folgt vorab definierten Kategorien (siehe Legende).

Erkenntnis

Der Aufstieg fühlt sich nicht wie einer an. Duroy steigt Kapitel für Kapitel die Karriereleiter hoch, doch trägt er immer schwerer an der Last der Stadt, durch die er geht. Fast zwei Drittel aller eindeutig gefärbten emotionalen Momente sind negativ. Der Raum führt, nicht das Gefühl. Nicht Duroy bestimmt, wie sich Paris anfühlt – die Stadt bestimmt, wie er sich fühlt. In drei von vier Fällen geht die Wirkung vom Ort aus, nicht von Körper oder Gefühl.

Anwendung

«Topografie der Gefühle» richtet sich an Leserinnen und Leser, die einen Roman einmal anders lesen wollen: «Bel-Ami» ist hier keine klassische Aufsteigergeschichte, sondern die Geschichte einer Stadt, die einen ihrer mächtigsten Männer erdrückt.

Impressum

Charis Arnold 2026

UMSETZUNG

FORMAT
Generatives Scrollytelling im Browser

TECHNIK
Python • QGIS • p5.js • Strudel

QUELLEN

TEXT
Guy de Maupassant, «Bel-Ami» (1885) • Übersetzung: Fürst N. Obolensky • Projekt Gutenberg •
18 Kapitel als Rohtext

KARTEN
Eigene QGIS-Exporte • Start-, Überblicks- und 18 Kapitelkarten • je mit Bbox

GEO
OpenStreetMap • Nominatim (Ortsauflösung) • OSMnx (Fusswegnetz)

FOTOS
DHAAP — Photographies de la Commission du Vieux Paris
Pauline Rossi, Chargée d’études
Responsable des Archives de la Commission du Vieux Paris
Département d’histoire de l’architecture et d’archéologie (DHAAP)
Direction des Affaires culturelles
Commission du Vieux Paris 11 rue du Pré, 75018 Paris

SCHRIFT
Google Font, Source Serif 4, Source Sans 3

Erhebung

Annotieren Claude API • Perspektive Figur/Erzähler • 15 Inhalts-Tags • Kategorien: Raum und Umwelt / Stimmung und Emotion / Gesellschaft und Soziales

Quantifizieren Valenz (−1/0/+1) • Intensität (1–3) • 3 Wirkungsrichtungen: Körper spürt / Emotion beeinflusst Raumwahrnehmung / Raum löst Emotion aus

Geocodieren Nominatim • Unsichere Nennungen bleiben ohne Koordinaten und werden über den Kontext interpoliert

Routen OSMnx • kürzester Fussweg zwischen aufeinanderfolgenden Bewegungsstellen

Kuratieren Händisch • Sammelpunkt: Weg steht still, solange die Szene am Ort bleibt

CAS Generative Data Design • Charis Arnold • September 2026

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